Der Wolfenbüttler Buchspiegel

Für die Digitalisierung von historischen Büchern mit kritischem Erhaltungszustand 

Historische Bücher existieren oftmals nur noch in geringen Stückzahlen oder in einem sensiblen Erhaltungszustand, der eine Aufbewahrung unter strengen konservatorischen Bedingungen erfordert. Beide Aspekte schränken die Zugänglichkeit zu den Büchern ein. Die Verfügbarmachung von Digitalisaten dieser Bücher bietet einem größeren Leserkreis die Chance, mit akzeptablem Aufwand die Inhalte rezipieren zu können. Zusätzlich ermöglichen die modernen Mittel der Kommunikation heutzutage Mehrwertfunktionen, wie eine Volltextsuche und die Hypertextverlinkung zu anderen Werken, eine bessere Erschließbarkeit der Werke.



Beide Aspekte, die technischen Anforderungen an die Digitalisierung sensibler Bücher und die Realisierung von Mehrwertfunktionalitäten, werden künftig verstärkt Gegenstand von Lehre und Forschung an der Fakultät Medien der HTWK Leipzig sein. Für die schonende Digitalisierung der Bücher wurde ein Wolfenbütteler Buchspiegel beschafft. Dieser bildet die zentrale technische Komponente im Digitalisierungsworkflow.


 

Der Wolfenbütteler Buchspiegel 

Die Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel hat in Zusammenarbeit mit dem Unternehmen Fototechnik Kaiser, in Hinblick auf eine großangelegte Digitalisierungsaktion innerhalb der Bibliothek, den Wolfenbütteler Buchspiegel entwickelt. Der Buchspiegel ermöglicht es, alte Drucke ohne größere mechanische Beanspruchungen unter einem Öffnungswinkel von 45° zu digitalisieren. Die Einrichtung gewährleistet dadurch eine buchschonende und qualitativ hochwertige Digitalisierung.


 

Der Digitalisierungsprozess

Für die Sicherung einer guten Aufnahme ist eine Fixierung der Buchseiten essentiell wichtig. Dies wird durch das Einlegen des Buches in eine Buchwippe mit einem Öffnungswinkel von 45° Grad realisiert. Der Buchspiegel, bei dem ein Spiegel und eine Glasplatte keilförmig angeordnet sind, wird bis in den Bund des Buches gefahren. Danach wird das Buch gegen den Keil gespannt. Damit wird eine exakte optische Ebene realisiert. Im Spiegel wird die aufzunehmende Buchseite abgebildet. Das fotografische System, eine Mittelformatkamera mit einem Scanback mit hoher Auflösung, ist hochgenau auf die optische Ebene auf der Spiegelseite ausgerichtet. Damit wird eine hoch aufgelöste Aufnahme mit geringstmöglicher optischer Verzerrung realisiert. 


 

Workflow zur Erzeugung von Mehrwertfunktionen  bei digitalisierten Bücher 

Über eine reine Faksimilierung hinaus, erwarten Nutzer heutzutage von digitalen Büchern weitergehende Mehrwertfunktionen. Grundsätzlich ist eine Volltextsuche zur Verfügung zu stellen. Darüber hinaus gibt es Möglichkeiten, z.B. Verlinkungen innerhalb des Buches (Inhaltsverzeichnis zur jeweiligen Seite) oder nach außen (z.B. zu spezifischen Weblinks) sowie Lesezeichen und Notizen. Zusätzlich wäre es möglich, die Bücher mit einem verlinkbaren Register und einer Suchfunktion auszustatten, doch am interessantesten, vor allem für die wissenschaftliche Arbeit ist hier sicherlich die Möglichkeit, seitenbezogene Transkriptionen anderer Schriftsysteme und Übersetzungen zu implementieren, die der Nutzer nach Bedarf auswählen kann. Erläuternde und textbegleitende Kommentare und (wissenschaftliche) Erkenntnisse können problemlos eingefügt werden. Mit Zoomfunktionen würde dem Leser auch die Betrachtung kleinster Gestaltungsdetails nicht vorenthalten, bzw. das Lesen kleiner Schriftgerade erleichtert werden. Auf diese Weise lassen sich viele anregende  Facetten historischer Bücher entdecken.  

Grundlage für die Mehrwertfunktionen ist eine optische Zeichenerkennung der digitalisierten Seiten. Dafür werden OCR-Programme verwendet. Allerdings enthalten ältere gedruckte Bücher oftmals gebrochene Schriften oder einen Mix aus verschiedenen Schriftarten, die eine automatisierte Zeichenerkennung stark erschweren. An dieser Stelle des Workflows werden die aktuellen Untersuchungen der Fakultät ansetzen. Ein weiteres Forschungsziel ist die Erarbeitung von praxisverwendbaren Arbeitszeitkennwerten für die einzelnen Arbeitsgänge des Digitalisierungsworkflows nach 
arbeitswissenschaftlichen Methoden. 


 

Entwicklung von Benutzeroberflächen 

Buchdigitalisierung ist ein interdisziplinärer Prozess, der Zuarbeiten aus verschiedenen Wissensgebieten verlangt. So wird zum Beispiel für die Fragestellung nach einer adäquaten Benutzerschnittstelle auf die Erfahrung aus anderen Studentenprojekten zurückgegriffen. Im Modul Interfacedesign hat eine studentische Projektgruppe, in Hinblick auf die Digitalisierung verschiedenster Bücher an der Fakultät, unterschiedliche Benutzeroberflächen für die Betrachtung der digitalen Faximiles entwickelt. Das Hauptaugenmerk lag dabei, neben der Bereicherung der Bücher durch die oben angesprochenen digitalen Mehrwerte, vor allem auf Aspekten der Nutzerfreundlichkeit. So konnte das theoretisch vermittelte Wissen aus den Vorlesungen über Aufbau, funktionelle Gesichtspunkte, Design und allgemeiner Konzeption einer Benutzeroberfläche für digitale Bücher direkt an einem Beispiel mit Aussicht auf eine technische Umsetzung des Entwurfs umgesetzt werden.


Autor: Prof. Dr.-Ing. Michael Reiche