Eine Erzählung von dem Leben auf See

Über Bord von Rudyard Kipling

Wer kennt sie nicht, die Seele des Meeres. Das seichte Rauschen der Wellen, was einer leisen Melodie ähnelt. Die salzige Seeluft, die wieder durchatmen lässt. Und diese unendlich erscheinende Freiheit, die das Gefühl gibt, alles erreichen zu können. Doch je weiter man dieser Freiheit folgt, desto gefährlicher und unberechenbarer kann sie werden.

„Über Bord“ erzählt von Harvey, der einzige Sohn eines Multimillionärs. Schon auf den ersten Seiten von „Über Bord“ bekommt man einen bleibenden Eindruck von Harvey:

„Wieder knallte die Tür, und ein schmächtiger, schlanker Junge, vielleicht fünfzehn Jahre alt, mit einer halb gerauchten Zigarette im Mundwinkel, stolpert über das hohe Sill (hohe, wasserabweisende Schwelle) herein. Die teigig gelbe Gesichtshaut passte schlecht zu einem seines Alters, und seine Miene war eine Mischung aus Unentschlossenheit, Dreistigkeit und billigem Schneid. Er trug einen kirschfarbenen Blazer, Knickerbocker, rote Strümpfe und Radlerschuhe, dazu eine rote Flanellkappe auf dem Hinterkopf. Er pfiff durch die Zähne und musterte die Gesellschaft; dann sagte er laut und mit hoher Stimme: »Sagen Sie, schöne Suppe draußen. Ringsum kann man hören, wie die Fischerboote quäken. Sagen Sie, wär das nicht toll, wenn wir eines versenken würden?“ « (S.8)

Zu diesem Zeitpunkt befindet sich Harvey auf einem Passagierdampfer, der ihn von Amerika nach Europa bringen soll. Jedoch kommt alles anders und Harvey wird über Bord gespült und gilt von da an als verschollen. Jedoch spielt das Schicksal manchmal seltsame Spiele, denn im nächsten Moment wird Harvey von dem Kabeljaufischer „We’re Here“, der sich auf dem Weg zu den Fischgründen nach Neufundland befindet, aus dem Wasser gezogen. Die Fangsaison hat jedoch gerade erst begonnen und so helfen Harvey weder Geld noch große Worte. Er ist gezwungen, die nächsten Monate auf dem Fischerboot zu verbringen, er wird so ein Teil der Crew und muss lernen seinen Unterhalt mit harter Arbeit zu verdienen.

Von Rudyard Kipling geschrieben erschien „Über Bord“ erstmalig 1897. Kipling war nicht nur Autor zahlreicher berühmter Bücher, wie zum Beispiel des Dschungelbuches, sondern auch der erste Engländer, der mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet wurde. Anlässlich seines 150. Geburtstages im Dezember 2015, wurde ihm von der Edition Büchergilde eine ganz besonders edle Ausgabe gewidmet. Und diese ist ein wahrer Genuss für die Sinne. Wenn man sie das erste Mal sieht, fallen sofort die wunderschönen Illustrationen auf, die sich durch das gesamte Werk ziehen. Diese wurden von Christian Schneider angefertigt. Er schafft es mit feiner Feder und sparsam eingesetzter Farbe den Betrachter in eine andere Welt zu transportieren. Die tosenden Naturgewalten und das raue Leben auf See werden auf eine Art und Weise dargestellt, die fesselt und dem Text noch mehr Ausdruck verleiht, als er ohne hin schon besitzt. Doch nicht nur die Illustrationen verleihen diesem Buch einen ganz eigenen Charakter. Vor allem der bedruckte Leineneinband mit Einstecktasche, in welcher sich eine Seekarte verbirgt, hinterlässt einen bleibenden Eindruck und zieht den Leser noch tiefer in die Abenteuer der „We’re Here“. Doch nicht nur der Einband ist ein Genuss für die Sinne, das ganze Buch ist ein wahrer Augenschmaus. Fadenheftung, Zeichenband, Kapitalband, vierfarbiger Druck auf das Papier Schleipen Fly 02, all das zaubert ein wunderschönes Gesamtkunstwerk. Auch die Schrift wurde mit der Bodoni passend zur gesamten Thematik gewählt. Vor allem mit den Fußnoten wurde sehr einfallsreich umgegangen. Um den Lesefluss weniger zu stören, wurden diese in leichterem Grau direkt neben dem Text gesetzt. Aber vor allem sprachlich ist „Über Bord“ ein recht außergewöhnliches Buch. Es benötigt etwas Zeit und Geduld, um sich an die vielen Fachbegriffe und Dialekte zu gewöhnen, jedoch ist es genau das, was eine ganz besondere Stimmung vermittelt. Man könnte fast meinen das Tosen des Meeres zu hören und die salzige Seeluft zu schmecken:

"Hoch und höher stieg das Vorschiff, stöhnend und hievend und bebend, und sauste dann mit einem sauberen, sichelartigen Hieb hinab in die Seen. Er konnte den Bug schneiden und malmen hören und dann die Pause, ehe das zerteilte Wasser oben auf dem Deck niederging wie eine Schrotsalve. Es folgte das wohlige Reiben des Ankertaus in der Klüse; ein Knurren und Quietschen vom Spill; ein Gieren, ein Stoßen und ein Auskeilen, und die We're Here rappelte sich auf, um die Bewegungen zu wiederholen." (S.89)

Und genau aus diesen Gründen findet dieses Buch seinen Platz zwischen „Das Buch der Wunder“ von Stefan Beuse und „Das weiße Leintuch“ von Antanas Škēma in meinem Bücherregal. Ich kann jedem dieses Buch empfehlen, der mehr über die Welt auf See erfahren möchte. Selten wurde diese Thematik auf eine so wunderschöne Art und Weise erzählt und verpackt.

„Über Bord“ ist ein Buch, was das Herz jedes Buchliebhabers höherschlagen lässt. Nicht nur durch seine wunderschönen Illustrationen oder die auffällige Verarbeitung. Es hinterlässt eine Botschaft: Nicht Geld und Ansehen allein, sondern Bildung und Wissen liefern den Schlüssel zum Erfolg.

Hier geht´s zum leider vergriffenen Buch.

Autorin: Stefanie Dehn