Joep Pohlen: „Letterfontäne“

„Ein Schriftentwerfer beschäftigt sich mit der Kunst des Subtilen. (…) Wer Fließtexte gestaltet, (...) bewegt sich mit seinen Entwürfen oft auf dem Mikroniveau von Form und Gegenform, von schwarzem Druck und Weißraum.“ So erklärt der Grafikdesigner und Autor Joep Pohlen in seinem Buch „Letterfontäne. Über Buchstaben“.

Genau für diese Feinheiten der Typographie will Pohlen den Blick schärfen und Aufmerksamkeit schaffen. Das scheint wichtiger denn je. Denn obwohl es heutzutage, dank der digitalen Mittel, so einfach wie nie zuvor ist, ein Buch herzustellen, bleiben dabei doch oft gerade die Feinheiten auf der Strecke, die so ein Buch erst schön und angenehm lesbar machen.

Dabei setzt Pohlen erst einmal bei Grundlegendem an und beginnt mit einem kurzen Abriss der Schriftgeschichte – von der Bilderschrift über die römische Capitalis und die karolingische Minuskel bis hin zu den heutigen digitalen Fonts. Die wichtigsten Grundlagen der Schriftgestaltung werden erklärt: Was ist eine Schriftfamilie, worauf muss man bei der Verwendung von Sonderzeichen achten? Welche typographischen Maßsysteme gibt es? Wodurch unterscheiden sich die verschiedenen Schriftklassen?

Anhand eines Vergleichs von jeweils drei Serifen- und drei serifenlosen Schriften öffnet Pohlen dem Leser die Augen für die Feinheiten der „Kunst des Subtilen“, der Schriftgestaltung. Wenn man die Einzelbuchstaben verschiedener Schriftarten direkt miteinander vergleicht, mögen die Unterschiede zwischen diesen auf den ersten Blick fast vernachlässigbar erscheinen. In ihrer Gesamtsumme ergeben all diese feinen Unterschiede – in der Spationierung und Neigung der Buchstaben, der Strichstärke, der Form der Serifen usw. – dann doch ein jeweils deutlich anderes Schriftbild.

Weiter erläutert Pohlen die unterschiedliche Herangehensweisen, mit denen sich die jeweiligen Schriftdesigners dem Ziel, der Konstruktion einer wohlproportionierten, gut leserlichen Schrift annähern. Dabei ist der Entwurf heute in der Regel nur der erste Schritt auf dem Weg zum digitalen Font. Pohlen stellte die unterschiedlichen Technologien vor, die dabei zum Einsatz kommen und diskutiert deren jeweilige Vor- und Nachteile.

Den größten Teil des Buches nehmen die Schriftbeispiele ein. Über fast 300 Seiten hinweg werden hier eine Vielzahl von Fonts vorgestellt. Damit empfiehlt sich das Buch auch für die praktische Anwendung und liefert eine wichtige Hilfestellung für die Frage: Welche Schrift ist für den jeweiligen Zweck am Besten geeignet?

Ergänzt wird der Band um ein Register, einen Index der wichtigsten Schriftverlage und Gießereien, soweit sie im Buch behandelt wurden, sowie ein umfangreiches Glossar, in dem die zentralen Fachbegriffe noch einmal kurz erklärt werden. Auch als Nachschlagewerk lässt sich die „Letterfontäne“ also gut verwenden.

Und auch die Aufmachung des Buches kann sich sehen lassen. Der schwarz-rote Leineneinband wirkt gleichermaßen edel wie robust. Und dass auch das Innere des Buchs sorgfältig und typographisch ansprechend gestaltet ist, versteht sich geradezu von selbst. Kurz und gut: Dieses Buch ist ein Muss für alle, die sich (als Fachleute oder als Laien) für Schriftgestaltung interessieren!

Joep Pohlen: „Letterfontäne. Über Buchstaben“, taschen 2011, 4. Auflage, 640 S.