Argentinien

Für die argentinischen Verlage steht fest: Das Volk will lesen und mehr Geld für Bücher ausgeben. Doch was passiert, wenn die Politik des eigenen Landes den Verlagen einen Strich durch die Rechnung macht?

2016 war das schwerste Jahr seit langem für die argentinische Buchwirtschaft. Als Reaktion auf die hohe Inflation und neue Gesetze im Handelsbereich, schrumpften die Erlöse der Branche um 40%.

Viele Verleger betrachten diese Entwicklung mit großer Sorge, andere sehen in ihr eine Chance für einen Neuanfang.

 

Größe/Volumen

  • Einwohnerzahl: ca. 43,89 Mio.
  • BIP pro Kopf: 630,448 Mrd. US$ (Okt 2016)
  • Anzahl der Verlage: ca. 2200 (2008)
  • Branchenumsatz: 540 Mio. US$ (2016)
  • Anzahl von Veröffentlichungen: 28.000 (2015)
  • Produktion Print und Digital: 85% Print gegenüber 15 % Digital.
  • Verkaufszahlen Print und Digital: keine Angaben
  • Buchhandel: Buenos Aires hat weltweit die meisten Buchhandlungen pro Einwohner. Allein in der Hauptstadt gibt es über 730 Läden, die auf Bücher spezialisiert sind. Yenny–El Ateneo ist mit 45 Geschäften die größte Buchhandelskette Argentiniens. Es folgen Cúspide, Distal und Santa Fe, die auf insgesamt 120 Buchhandlungen in Argentinien kommen.
  • Größe eines durchschnittlichen Verlags: Weniger als 10 Mitarbeiter. 83% der argentinischen Verlage bringen weniger als 10 Bücher im Jahr heraus.

 

Entwicklung/Trends 

  • Entwicklungen des Buchmarktes: Die Nachwehen der argentinischen Staatskrise von 1998 bis 2002 und der weltweiten Finanzkrise von 2008 sind auch heute noch spürbar. Das Land ist durch politische Umwälzungen im stetigen Wandel begriffen, was auch den Buchmarkt in regelmäßigen Abständen ins Wanken bringt. Die hohe Inflation (23,9% im Jahr 2014) und die stetig steigenden Lebenshaltungskosten machen es den Bürgern schwer, Geld für heimische Literatur auszugeben. Die Verlage kämpfen gegen Import-/Export-Gesetzte an, auf die sich die neue Regierung im Jahr 2016 geeinigt hat. 
  • Trends und Aktuelles: Der Buchmarkt befindet sich durch die neuen Import-/Export-Anordnungen in Bedrängnis. Die Anordnungen besagen, dass für jeden importierten US-Dollar argentinische Unternehmen den gleichen Gegenwert an Pesos exportieren müssen. Unter anderem dadurch sind die Erlöse der Branche im Vergleich zum Vorjahr 2016 um 40 % gesunken:2016: 540 Mio. US$. 2016 wurden 20% weniger Bücher verkauft und die Auflagen sind insgesamt um ca. 20 Mio. Exemplare gesunken. Durch die Aufhebung von Importzöllen im Jahr 2015 kaufen die ArgentinierInnen mehr Literatur aus dem Ausland, da sie nicht inflationsbelastet ist. Werke aus dem Bereich Kinder- und Jugendbücher wurden in den letzten Jahren immer häufiger gelesen. Der Marktanteil in diesem Segment wuchs zwischen 2015 und 2016 um 3%. Andere Genres wie der klassische Roman werden weniger gelesen.
  • Kapazitäten und Potentiale: Der Wille der Argentinier zu lesen ist trotz der widrigen Umstände ungebrochen, berichten die Journalisten und Gäste von der diesjährigen Feria del Libro, der größten Argentinischen Buchmesse. Der Buchmarkt des Landes besitzt ein großes Potential, wie die Kennzahlen der letzten Jahre zeigen. Die vielen Beschränkungen durch die Politik erschweren die Arbeit jedoch erheblich. Sollte es das Land in eine finanziell bessere Lage schaffen, würde der Buchmarkt davon stark profitieren. Zurzeit sind die Lebenshaltungskosten für die meisten Bewohner des Landes allerdings so hoch, dass Ausgaben für Kulturgüter auf ein Minimum beschränkt werden.

 

Produkte

  • Printbücher vs. E-Books: Das Leseverhalten der ArgentinierInnen ist sehr traditionell geprägt, was sich auch in der Verlagsherstellung des Landes wiederspiegelt. So werden nur rund 15% der Bücher auch oder ausschließlich für den e-Book-Markt produziert und aufbereitet. 
  • Besonderheiten: Die größte Buchmesse des Landes (siehe unten) erweist sich jedes Jahr erneut als Motor der Buchbranche. So werden im April und Mai so viele Bücher verkauft wie zu keiner anderen Jahreszeit.
  • Spezielle Vereine: Argentinische Kammer des Buches – Zuletzt lautstark aufgefallen durch Flugblätter auf der größten argentinischen Buchmesse. Auf ihnen war zu lesen »SOS argentinisches Buch«. Damit riefen die heimischen Verlage mehr staatliche Unterstützung auf, weil ihnen die gesetzlichen Rahmenbedingungen zu schaffen machen.
  • Buchpreisbindung und Co.: Seit 2001 gibt es eine geregelte Preisstruktur auf dem Buchmarkt. Im Vergleich zu Deutschland kosten Bücher deutlich weniger (ca. 1/3) – allerdings beträgt das durchschnittliche Nettoeinkommen der ArgentinierInnen 1/4 des deutschen Nettoeinkommens. Importierte Bücher, deren Preis stabil bleibt, sind also vergleichsweise teuer.

 

Nutzer/Kunden

  • Die Buchmesse: Feria del Libro ist eine internationale, jährlich im April stattfindende Verkaufsmesse mit Millionenpublikum. Sie findet in der Hauptstadt Argentiniens, Buenos Aires, statt. Der Direktor der Feria del Libro sprach mahnende Worte in seiner Eröffnungsrede von 2016: »Argentinien hat sich schon immer stark über seine Rolle als Produzent von Büchern für die ganze spanischsprachige Welt identifiziert. Diese Rolle dürfen wir nicht verlieren.« Auf der Feria del Libro findet sich auch jedes Jahr ein Stand mit deutscher Literatur. Betreuer Dieter Schmidt von der Frankfurter Buchmesse: »Ich kenne sonst keine Buchmesse, die so viele Verlage hat, die sowohl inhaltlich als auch herstellerisch so hochwertig arbeiten.«
  • Das Kundenverhalten: Politische Bücher erfreuen sich seit dem Ende der Militärdiktatur 1983 großer und immer noch steigender Beliebtheit. In den politisch stürmischen Zeiten kommen immer wieder gefragte Biographien über aktuelle PolitikerInnen heraus, die sich wochenlang in den Bestsellerlisten halten.

Es bleibt also nur zu hoffen, dass es bald wieder bessere Zeiten für den argentinischen Buchmarkt geben wird, denn eines ist klar: Wenn die Umsätze der Verlagsbranche auch in den kommenden Jahren weiter sinken werden, bleibt den ArgentinierInnen bald nur noch die Möglichkeit, Literatur zu importieren.