Verlorenes Wissen

Es ist äußerst bedauerlich, wenn eine Festplatte kaputt geht und alle darauf gespeicherten Informationen verloren gehen. In diesem Fall hofft man, dass das letzte Backup nicht so weit zurückliegt, oder dass zuvor alle Daten mit der Cloud synchronisiert worden sind. Dieser Fortschritt war vergangenen Kulturen teilweise nicht vorbehalten, sodass ihr gesamtes Wissen, manchmal buchstäblich, in Flammen aufgegangen ist.

Es folgen ein paar historische Beispiele, warum Papier und Feuer keine gute Kombination sind: Einst ließ der Pharao Ramses III. (1221 – 1156 v. Chr.) eine riesige Bibliothek zusammentragen, von der nichts übrigblieb. Als Caesar 47 n. Chr. Im Hafen von Alexandria seine Truppen wüten ließ, ging auch die Bibliothek von Alexandria in Flammen auf. Dabei wurden 700.000 Bände zerstört.

Cleopatra bekam von der kleinasiatischen Bibliothek Pergamon 200.000 Bände geschenkt. Diese bildeten den Grundstock der neuen Bibliothek von Alexandria. Der römische Kaiser Diokletian (244 – 313 n. Chr.) ließ alles vernichten.

Selbst der dritte Versuch die Bibliothek von Alexandria durch das Einsammeln alter Schriften zu Glanz und Reichtum zu führen, scheiterte. Theodosius I. (347 – 395 n. Chr.), dem man wohl irrtümlich den Beinamen „der Große“ anhängte, ließ die Bibliothek erneut niederbrennen

Der Khalif von Damaskus Umar Ibn al-Chattab (579 – 644 n. Chr.) befahl mit den Büchern des Museion von Alexandria alle Bäder der Stadt zu beheizen. Dies gleich sechs Monate lang, bis keine Schriften mehr vorhanden waren.

Auf seinen Kriegszügen ließ Julius Caesar zahlreiche Bibliotheken zerstören. Dasselbe tat Alexander der Große mit den Urschriften der Awesta, den originalen religiösen Texte der Parsen.

In China war es der Kaiser Qin Shihuangdi (259 – 210 v. Chr.), der sämtliche Bibliotheken seiner Feinde niederbrennen ließ.

Genauso passierte es in Süd- und Zentralamerika. Am 12. Juni 1562 ließ der Bischof Diego de Landa (1524 – 1579 n. Chr.) alle Handschriften der Maya öffentlich verbrennen. Das war die Strafe dafür, dass sie sich nicht zum christlichen Glauben bekennen wollten.

Die gewaltige Bibliothek in der Nalanda-Universität (heute Bundesstaat Bihar, Indien) wurde vom türkischen Eroberer Bakhtiyar Khalji (gestorben 1206) komplett zerstört. Die Sammlung umfasste 9 Millionen Bücher und galt somit auch als das größte Lehrzentrum der Antike.

Auch Vertreter des Christentums zeigten sich in dieser Hinsicht nicht gerade von ihrer besten Seite. Auf Veranlassung von Papst Gregor IX. (1227 – 1241) wurden bei der sogenannten „Talmud Verbrennung“ in Paris 24 Wagenladungen jüdischer Bücher verbrannt. Die Schriften waren aus dem ganzen französischen Königreich zusammengetragen worden. Die Scheiterhaufen brannten zwei Tage lang. Befehle zu Bücherverbrennungen erließen auch die Päpste Innozenz IV. (1243 – 1254), Clemens IV. (1256 – 1268), Johannes XXII. (1316 – 1334) und Paul IV. (1555 – 1559).

Dann erschien ab 1559 der Index Librorum Prohibitorum, das Verzeichnis verbotener Bücher. Jeder Katholik, der ein Werk aus dieser Verbotsliste las, war ohne weiteres exkommuniziert – von der Kirche und ihren Sakramenten ausgeschlossen. Mit dieser Methode war es einfach Andersgläubige zu bekämpfen. Dieser Index wurde erst 1966 unter Papst Paul VI. abgeschafft. Stattdessen sollte sich mit Medien konstruktiv auseinandergesetzt werden. Auch wenn diese Schriften nur schwer zugänglich sind, blieben diese wenigstens erhalten.

Die wohl radikalste Bücherverbrennung erfolgte durch die Nationalsozialisten. Am 10. Mai 1933 konfiszierten und verbrannten diese öffentlich zehntausende Bücher von jüdischen, marxistischen und pazifistischen Schriftstellern. Diese systematische Durchführung einer Bücherverbrennung ist bis heute auf erschreckende Weise einmalig.

Der Grund für die Zerstörung von tausenden Büchern war, dass weder die weltlichen, noch die religiösen Führer akzeptieren konnten, dass es bereits vor ihnen größere und fortschrittlichere Kulturen mit verschiedenen Ansichten und Erkenntnissen existierten. Außerdem herrschte oft keine Toleranz gegenüber anderen Ansichten, Werten, Glaubensvorstellungen und Kulturen. Es ging nicht nur darum ein Volk von der Erdoberfläche zu tilgen, sondern auch sein gesamtes Wissen auszulöschen. Somit können wir nur hoffen, dass die Cloudserver weitestgehend feuerfest sind und die externe Festplatte mit dem letzten Backup nicht verlorenen gegangen ist.

 

Autor: Tibor Mergenthaler

Bild: Dan Mumford - The Lighthouse of Alexandria