Ein Lektor berichtet über Graphic Novels

Jeder Verlag auf dieser Welt ist für sein ganz eigenes Programm verantwortlich und bekannt. Einige veröffentlichen Jahr für Jahr Belletristik für die Massen und andere Sachbücher, die sich mit höchster Fachkenntnis auseinandersetzen. Man ist eingespielt und hat zum Teil auch ein festes Stammpublikum, auf das man sich verlassen kann. So ist es nicht weiter verwunderlich, dass nur wenige Verlag unbekanntes Terrain betreten. Aber es gibt Ausnahmen. Wir haben ein Interview mit einem Lektor geführt, der eine Entdeckerfahrt in neue Gefilde mit seinem Verlag erfolgreich durchgespielt hat.

Herr Gidom, im Jahr 2015 begann der Hinstorff Verlag aus Rostock mit der Produktion von Graphic Novels. Bevor wir auf dieses Thema eingehen, könnten Sie sich den Lesern kurz vorstellen?

Ich bin Historiker und Politikwissenschaftler und habe vor dem Studium den Beruf des Verlagskaufmanns erlernt. Bevor ich 2015 zum Hinstorff Verlag nach Rostock wechselte, habe ich die Edition Berliner Unterwelten aufgebaut.

Wenn man für einen Verlag eine neue Rubrik aufbaut, gibt es unendlich viele Dinge zu beachten. In diesem Fall sind zum Beispiel die AutorInnen zumeist auch die KünstlerInnen. Wie sind Sie bei dieser Arbeit vorgegangen?

Wir wollten der Programmausrichtung des Hinstorff Verlages weiter folgen, d.h. im weitesten Sinne „maritime“ Geschichten veröffentlichen. Ich begann, mich nach Künstlern und Künstlerinnen umzusehen, vor Ort Kollegen und Kolleginnen zu fragen bzw. habe in einschlägigen Comic-Foren unser Vorhaben beschrieben. So kam ich in Kontakt mit Kristina Gehrmann, die dann mit ihrer „Im Eisland“-Trilogie den neuen Programmbereich Graphic Novels eröffnete. Die dreibändige Geschichte ließ uns dann auch Zeit, weitere Projekte zu beginnen („Auf Kaperfahrt mit Störtebeker“, Till Lenecke). Das Lizenzgeschäft mit ausländischen Verlagen kam erst danach hinzu („The Underwater Welder“, Jeff Lemire).

Welche Herausforderungen sind durch die Ausarbeitung des neuen Genres auf Sie zugekommen? Mussten Sie sich etwas neu beibringen oder aneignen?

Die Lektoratsarbeit ist vom Aufwand her nicht wesentlich anders als bei anderen Büchern. Hinzulernen mussten die KollegInnen vom Vertrieb und dem Marketing, da sich das Comicgeschäft vom übrigen Buchhandel unterscheidet. Die Akteure arbeiten sehr viel gemeinsam, um den immer noch kleinen Comicmarkt in Deutschland weiter zu entwickeln. Das war eine schöne Erfahrung für uns.

Im Verlag lektorieren Sie viele Sachbücher. Inwiefern unterscheidet sich Ihre Arbeit an den Graphic-Novels zu den herkömmlichen Titeln?

Da der Content zu 80 % im Bild vorliegt, muss man sich – im Gegensatz zur Textarbeit – hier immer wieder konzentrieren. Textarbeit kann man aus meiner Sicht schneller erlernen, bekommt schneller Routinen. Auch sind die Vorzeichnungen der Künstler sehr reduziert, sodass erst in der Fertigstellungsphase Details erkennbar werden.

Mit Ihrer ersten Graphic-Novel Im Eisland – Band 1 – Die Franklin-Expedition hat Ihr Verlag einen guten Start im Genre geschafft und sogar den Jungendliteraturpreis gewonnen. Wie waren die Erwartungen seitens der Verlagsleitung für dieses neue Genre? Können Sie uns schon etwas über zukünftige Projekte erzählen?

Natürlich haben wir gehofft, dass dieser neue Programmbereich erfolgreich gestartet wird. Dass dann gleich eine so tolle Künstlerin ihren Durchbruch mit uns hat und sich die Trilogie zum Bestseller entwickeln würde, war nicht nur finanziell ein Erfolg, wir wurden auch gleich in der „Comic-Verlagswelt“ wahrgenommen. Die folgenden Projekte liefen dann ebenfalls gut an. Dass „Der Unterwasser-Schweißer“ am Tag seiner Veröffentlichung gleich auch ein Ryan-Gosling-Statement (er will das Buch 2018 verfilmen) erhielt, war ein weiterer Glücksfall.

Im Herbst 2017 erscheint ein weiteres Lizenzwerk des US-amerikanischen Künstlers Jeremy A. Bastian. Wir veröffentlichen die ersten drei Bändes seines Werks „The Cursed Pirate Girl“ unter dem Titel „Der Fluch der Piratenbraut“.

Für das Frühjahr 2018 ist wahrscheinlich eine schwedisch-kenianische Illustratorin im Programm, im Herbst sollen wahrscheinlich eine Reisebeschreibung aus dem Mecklenburg des 17. Jh. (Arbeitstitel: „Der mecklenburgische Marco Polo“) sowie eine Comicadaption von „Solange ich atme“ von Carmen Rohrbach erscheinen, eine Ostsee-Fluchtgeschichte aus der DDR.