Teilstudium in Oxford

 

Großbritannien – nasskaltes Wetter, rothaarige Pub-Gänger und fettiges Essen… Nach zwei Semestern auf der Insel kann ich bestätigen: ja, gibt es alles. Aber natürlich hat dieses vielseitige Land noch deutlich mehr zu bieten! Neben dem exorbitant grünen Gras und einem riesigen Angebot an Klatschblättern (natürlich muss die Nation wöchentlich über die psychische Verfassung der geliebten Prinzen und Katie Prices neueste Peinlichkeit unterrichtet werden) kann man im Vereinigten Königreich das Zusammenleben vieler unterschiedlicher Kulturen und Nationen erleben, die vor allem eines zu verbinden scheint: (modische) Individualität. Das Ziel meiner Reise: Oxford. Ich habe mir diese Stadt ausnehmend schön vorgestellt und das war sie auch – man nennt sie nicht umsonst »The City of the Dreaming Spires«.

Um den britischen Lebensstil hautnah miterleben zu können, entschied ich mich gegen das Wohnheim und bezog eine WG – tiefblaue Tür, windschiefe Bauweise und eine Küche, in der ich ob der hygienischen Zustände befürchtete, nicht essen zu können. Die gute Lage der englisch-spanisch-deutschen Wohngemeinschaft erlaubte es mir, die malerische Innenstadt und auch den Campus der Oxford Brookes University zu Fuß zu erreichen. Gelegen auf einem Hügel, dem »Headington Hill« oberhalb des schönen »South Parks«, bot die Brookes Uni viele Computerkabinette, eine sehr gut ausgestattete Bibliothek und eine Mensa, die wohl eher ein Food Court war.

Freundlich und höflich (man wurde auch gern mal von einem Kassierer als »Love« oder »Dear« angesprochen) waren fast alle Engländer und die Bedenken hinsichtlich meiner Sprachkenntnisse verflogen schnell, da man alles zu verstehen schien und auch sprachliche Fauxpas diskret ignorierte. Auffällig anders als an der HTWK empfand ich die Gepflogenheiten an der Hochschule: ungekämmte Studenten in Jogginghose, die eine halbe Stunde zu spät zur Vorlesung kamen, wurden stets herzlich vom Dozenten begrüßt und auch während des Seminars aufstehen und einfach nach Hause gehen wurde nicht als unmögliches Verhalten gewertet. Selbstverständlich gab es aber ebenso engagierte Studenten, die in den häufigen Diskussionsrunden meiner Studiengänge Publishing und Publishing Media eifrig debattierten und immer gut vorbereitet (und pünktlich!) zur Vorlesung erschienen. 

Der lockere und freundschaftliche Ton (alle, also auch die Dozenten, sprach man beim Vornamen an) an der Brookes Uni machte das Studieren sehr angenehm und in den einzelnen Kursen wurde viel Wert auf den gegenseitigen Meinungsaustausch und die eigene Kreativität gelegt. Vergessen werde ich wohl nie einen ganz besonderen Kurs: Magazine Publishing. Bezeichnend war hier der Unterhaltungswert der gesamten Veranstaltung – dank der aufgeweckten Dozentin, Leander, die uns in der ersten Vorlesung direkt auf ihre Homosexualität und feministischen Einstellungen hinwies und die Studenten stets als »Kittens« ansprach. Für Probleme hatten alle ein offenes Ohr und wer um Hilfe bat, bekam sie auch. Herausforderungen, wie Essays und Referate, waren eher durch die Sprache bedingt und weniger durch den Kursinhalt, denn ohne Hochschulabschluss (sog. »undergraduate«) landete ich automatisch in den Bachelormodulen, was ich jedoch weniger als Nachteil, als eher eine Chance, mich auf die Sprache zu konzentrieren, sah. 

Nun, was sind die bleibenden Erinnerungen, mein Resümee? Ein schönes, aber doch sehr fremdes Land. Unmögliches Essen. Urige Pubs. Tradition und Moderne in einer Stadt. Ich habe mich noch nie dermaßen »deutsch« (= pünktlich, organisiert, sauber) gefühlt und werde wohl auch nicht so bald wieder die Möglichkeit haben, jeden Monat mindestens einmal in einen Bus direkt vor meiner Haustür zu steigen und ca. 100 Minuten später an der Victoria Station in London aussteigen zu können. Eine spannende Zeit – ich kann es weiterempfehlen.

 

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